Barth - Lexikon

gesamte Stichwortliste ansehen

Zeitmessung

Die öffentliche Zeitanzeige war Jahrhunderte lang eine Domäne der Kirche. Die Mönche, die die Kirchen betreuten, mußten täglich vom Sonnenlauf abhängende Gebetszeiten einhalten. Die Zeiten für den Gottesdienst wurden durch das Geläut der Kirchenglocken angezeigt, das die Gemeinde in die Kirche rief - das liturgische Läuten. Besonders in den Städten, aber auch bei einigen Dorfkirchen zeigten zumeist kleinere Zeitglocken die Zeit durch den Stunden-, seltener auch durch den Viertelstundenschlag an. Mit diesem kommunalen Läuten regelten sie Abläufe des gesellschaftlichen wie des privaten Lebens.

Nur wenige Kirchen besaßen anfangs ein Zifferblatt für die Zeigeranzeige der Zeit. Meistens erfolgte die Zeitanzeige lediglich durch das Läutwerk. Die ältesten Kirchenuhren in unserer Gegend wurden vermutlich im 1. Drittel des 18. Jahrhunderts installiert, die wohl älteste findet sich im Turm der Kirche in Saal aus der Zeit um 1730/35. Weitere ältere Räderuhren aus unterschiedlicher Zeit befinden sich z.B. in den Kirchen in Damgarten und Barth.

Das Privileg der Zeitanzeige durch die Kirche hatte auch einen ganz praktischen Grund: Kirchen waren auf dem Lande weithin die einzigen festen Steinbauten. Selbst in den Städten gab es nur wenige festgebaute Gebäude. Doch als Ort einer großen Räderuhr, einer weit über das Land erschallenden Glocke und eines gut sichtbaren Zifferblattes eigneten sich am besten Kirchen mit ihren Türmen, gelegentlich auch Rathäuser.

Räderuhren hatten im Unterschied z.B. zu Sonnenuhren einige Vorteile, sie waren in ihrer Funktion unabhängig von Tages- und Jahreszeit und auf einfache Weise mit der Anzeige der Zeit mittels Glocken und Zifferblättern kombinierbar. Doch sie hatten auch einen gravierenden Nachteil, der in ihrer Gangungenauigkeit begründet ist. Noch um 1800 gingen Kirchturmuhren täglich etwa 10-15 Minuten falsch und das ganz unkalkulierbar. Manche Kirchturmuhren hatten aus diesem Grund nur einen Stundenzeiger (z.B. Heilgeistkirche Stralsund). Der Minutenzeiger täuschte eine Genauigkeit vor, die das Uhrwerk gar nicht gewähren konnte und erhöhte die Kosten.

Aus diesem Grunde benötigten Kirchturmuhren, aber auch Uhren in privater Hand Sonnenuhren, um mit deren Hilfe so oft wie möglich korrigiert zu werden. Sonnenuhren waren die einzigen verläßlichen Zeitgeber - wenigstens wenn die Sonne schien. Eine gut konstruierte Sonnenuhr ermöglicht eine Zeitbestimmung von 5 Minuten oder noch besser. Es gab sie für den privaten Gebrauch ebenso wie an Gebäuden, wie am alten Rathaus in Barth, das eine große Sonnenuhr aus der Zeit um 1650 aufwies, die, eine genaue Anbringung vorausgesetzt und soweit erkennbar, eine Genauigkeit von etwa 2 Minuten gewährleisten konnte. Historische Sonnenuhren finden sich in der Umgebung von Barth z.B. an den Kirchen von Niepars und Pütte (B 105 Richtung Stralsund), beide aus der Zeit um 1800.

Eine andere Art von Zeitmessern waren die Kanzeluhren in Kirchen, Sanduhren, die im 17. und 18. Jahrhundert an die Kanzeln oder in deren Nähe angebracht wurden. Sie dienten der Begrenzung der Predigtzeit auf eine Stunde. Einstmals in vielen Kirchen zu finden, hat sich in unserem Territorium ein solch fragiler Zeitmesser nur in der Seemannskirche Prerow erhalten.

Bilder:
Zifferblatt der Heilgeistkirche Stralsund (1774)
Kanzeluhr in der Seemannskirche Prerow, Laufzeit 30 Minuten bzw. 1 Stunde

 

Zarnkewitz
Zeitmessung