Barth - Lexikon

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Der „Vorpommer“

In Barth gab es vor 1939 zwei Tageszeitungen: Zum einen das „Barther Tageblatt“, hervorgegan-gen aus dem „Barther Wochenblatt“ mit Sitz in der Langen Straße 30. Der Herausgeber war Adolf Dahlfeldt Anthony‘s Erben. Zum anderen erschien die „Barther Zeitung“ im Verlag Carl Klock mit Sitz am Markt. Im Barther Stadtarchiv befinden sich Ausgaben mit einigen zeitlichen Lücken. Im letzten Jahr gab es dann eine Überraschung: Eine dritte, überregionale Zeitung be-richtete in ihrem Lokalteil ausgiebig vom Barther Tagesgeschehen. „Der Vorpommer“ – Volks-blatt für Vorpommern und Rügensche Tageszeitung – ging 1920 aus der „Stralsunder Volkszei-tung“ hervor.

Der Hauptsitz mit Druck und Verlag befand sich in der Volksdruckerei GmbH am Alten Markt 9 in Stralsund, doch es gab Filialen in Demmin, Barth und Bergen. In Barth befand sich die Ge-schäftsstelle in der Langen Straße 18. Dort konnte man auch Bücher und Schreibwaren kaufen. Ende November 1932 zog die Filiale in die Badstüber Straße 85 neben das Haus des jüdischen Kaufmanns Sommerfeld.

Es ist erstaunlich, dass drei Tageszeitungen in einer Kleinstadt nebeneinander existieren konnten. Die Weltpresse wurde in allen drei Zeitungen gleich behandelt und diskutiert. Sie unterschieden sich lediglich in der politischen Beurteilung der Geschehnisse. Im Gegensatz zum „Barther Tage-blatt“ und der „Barther Zeitung“ berichtete „Der Vorpommer“ nicht kommentarlos und bediente sich härterer Töne. „Der Vorpommer“ war republikanisch ausgerichtet und SPD-geprägt.

Der damals verantwortliche Geschäftsführer des „Vorpommer“, Max Niemann, gründete nach dem ersten Weltkrieg in Barth die „Sozialistische Arbeiterjugend“. Anfang der 1930-ger Jahre gehörte er zum Vorstand der SPD und „seine“ Zeitung berichtete aus dieser Haltung heraus. So geschah es, dass ein Jahr nach Veröffentlichung des oben abgedruckten Artikels die Barther Ge-schäftsstelle des „Vorpommer“ selbst von politischen Gegnern, den Nazionalsozialisten, ange-griffen wurde. Die Aggressionen richteten nicht nur Sachschaden an, sondern zielten direkt auf die Personen der verantwortlichen Redaktion. Die Zeitung prangerte wiederum an, dass die Poli-zei nichts unternehme um den nächtlichen Aufmärschen der Nationalsoziallisten und Angriffen entgegen zu treten. Den Barther Mitgliedern der Nationalsozialisten, darunter mittlerweile auch Gewerbetreibende, Polizisten und andere, waren diese Anschuldigungen ein Dorn im Auge. Sie versuchten auf anderem Wege dem Geschäftsführer und der Zeitung zu schaden. Kurz darauf wurde Max Niemann eines Boykottsaufrufs gegen Barther Geschäftsleute angeklagt und vor Gericht für schuldig befunden.

Am 28. Februar 1933 wurde der „Vorpommer“ von der preußischen Regierung verboten.
Aus ihr entstand die Nachfolgezeitung „Volkswillen für den Kreis Demmin und Umgegend“.

Wie konnte die Zeitung „Der Vorpommer“ in Vergessenheit geraten? Eine Recherche in den Ad-ressbüchern ab 1920 ergab folgendes Ergebnis: Unter der Adresse Lange Straße 18 waren nur die Bewohner des Hauses verzeichnet. Geschäftsräume wurden nicht aufgeführt. Diese befinden sich in einer anderen Rubrik. Dort findet man unter den Begriff „Zeitungen“ nur das „Barther Tageblatt“ und die „Barther Zeitung“. Das lag vermutlich daran, dass das Hauptgeschäftsstelle des „Vorpommer“ in Stralsund ansässig war. Leider befindet sich kein einziges gedrucktes Exemplar im Barther Stadtarchiv.

Bemerkenswert ist, dass im „Vorpommer“ viel über Barth berichtet wird, was sich nicht in den anderen Zeitungen findet. Zum Beispiel Berichte über die Ratssitzungen. Teilweise wurde die ganze Tagesordnung abgedruckt. Und genau diese Tatsache macht den „Vorpommer“ für die Geschichte von Barth so wichtig. Denn im Stadtarchiv gibt es leider keine Ratsprotokolle aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Anhand der jetzt stattfindenden Recherche in den mikrover-filmten Ausgaben ist es möglich, historische Lücken zu schließen.
(Stephanie Patrizia Mählmann)

Literatur:

Mählmann, Stephanie Patrizia: Der Vorpommer – eine vergessene Zeitung. In: LandeBarth, Band 9. Rostock 2017

 

Der Vorpommer
Veröffentlichungen des Stadtarchivs Barth
Vineta, die Quellen
Vineta, die Sage
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